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Nachrichten

22.02.2016 |

Runter mit der Menge, rauf mit dem Preis

Traktoren blockieren die größte deutsche Molkerei, Foto: AbL Traktoren blockieren die größte deutsche Molkerei, Foto: AbL

Seit heute Morgen blockieren Milchbauern mit 30 Traktoren die Zufahrt zum Werk des Deutschen Milchkontors (DMK), der größten deutschen Molkerei. Am morgigen Dienstag treffen sich Vertreter des DMK zu einer außerordentlichen Vertreterversammlung. Die Bauern nutzen diesen Moment, um sich gegen die seit Mitte 2014 um 13 Cent gefallenen Auszahlungspreise für den Liter Milch zu protestieren. Sie fordern von der Molkerei ihre Marktmacht zu nutzen, die Bauern zu unterstützen und ihnen Boni für einen Produktionsstopp auszuzahlen.

"Die Milchbauern stecken in einem Teufelskreis. Viele reagieren auf die stark gefallenen Milchpreise, indem sie immer mehr Milch erzeugen, um noch irgendwie zahlungsfähig zu bleiben. Die weiter ansteigenden Milchmengen drücken aber die Milcherzeugerpreise für alle Betriebe noch tiefer in die Verlustzone. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, braucht es eine übergeordnete, überbetriebliche Instanz. Die Bauern sind bereit, dann mitzuziehen. Wenn nicht bald gehandelt wird, verlieren wir Tausende Milchviehbetriebe, die eigentlich gesund sind und eine gute wirtschaftliche Zukunft verdienen“, beschreibt Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland und stellvertretender AbL-Vorsitzender, die Situation.

In den Niederlanden hatte die größte Genossenschaftsmolkerei Friesland-Campina einen Bonus für das Absenken der Milcherzeugung den einzelnen Milchviehbetrieben ausgezahlt. Über sechs Wochen erhielten dortige Milcherzeuger je 2 Cent pro Liter gleichgebliebener oder reduzierter Milchmenge. Das sorgte dafür, dass sich etwa 60 Prozent der Milcherzeuger an dem Programm beteiligten und die produzierte Milchmenge um 35 Millionen Liter fiel. Auch EMMI, die größte Molkerei der Schweiz, kündigte an, im März und April 10 Rappen (etwa 9 Cent) Boni für Mengenreduzierung auszuzahlen. Die Maximalmenge liegt bei der Hälfte der Vorjahrsproduktion.

„Die Milchbauern sind bereit. Es braucht aber eine überbetriebliche Koordination, damit eine Mengenreduzierung des einzelnen nicht verpufft. Das DMK hat die Größe und die Marktmacht, hier in Deutschland voranzugehen und damit auch ein klares Zeichen in weitere europäische Länder und in Richtung Berlin und Brüssel zu setzen. Runter mit der Menge, rauf mit dem Preis!“, fasst Ilchmann die Situation auf dem deutschen Milchmarkt zusammen. Die DMK solle bei ihrer Versammlung am Dienstag Beschlüsse im Sinne der Milcherzeuger fassen. Dabei sollten auch Bund und Länder Molkereien unterstützen, dass befristete Mengenreduzierungen realistisch umsetzbar würden.

17.02.2016 |

Öffentliche Täuschung bei privatem Konzernklagerecht?

TTIP wird von der Öffentlichkeit als undemokratische Bedrohung empfunden. Foto: Christian Mang / Campact TTIP wird von der Öffentlichkeit als undemokratische Bedrohung empfunden. Foto: Christian Mang / Campact

Nächste Woche beginnt in Brüssel die nächste TTIP-Verhandlungsrunde. Im Mittelpunkt wird dabei das umstrittene Konzernklagerecht stehen. Unter der Abkürzung ISDS (investor state dispute settlement) war bei den ersten Verhandlungen zum Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU von privaten, internationalen Schiedsgerichts bekannt geworden. Im vergangenen Herbst legte die Europäische Kommission unter dem Namen ICS (Investment Court System) einen neuen Vorschlag zum Investitionsschutz im TTIP vor. In einer heute vorgestellten Studie belegen zivilgesellschaftliche Organisationen nun, dass diese von der EU-Kommission vorgebrachten Neuerungen eine Täuschung der Öffentlichkeit darstellen – lediglich mit neuer Etikette würden dieselben Inhalte auf den Tisch gebracht.

Die Autoren der Studie, darunter Corporate Europe Observatory, Campact, PowerShift. Forum Umwelt & Entwicklung und 13 weitere, beschreiben den “neuen” Ansatz der Kommission als PR-Übung, da mit Begriffen wie “Handeslgerichtshof” oder “Investitionsgericht” Vertrauen auf Seiten der Öffentlichkeit hergestellt werden soll. In Wirklichkeit haben diese Schiedsgerichte mit Schiedsrichtern wenig mit unabhängigen Richtern und Gerichten gemein. So formulierte auch der Deutsche Richterbund in einer Stellungnahme zum Investitionsgericht: „Weder das vorgesehene Verfahren zur Ernennung der Richter des ICS noch deren Stellung genügen den internationalen Anforderungen an die Unabhängigkeit von Gerichten. Das ICS erscheint vor diesem Hintergrund nicht als internationales Gericht, sondern vielmehr als ständiges Schiedsgericht.“

Die privaten Schiedsgerichte stehen in scharfer gesellschaftlicher Kritik, da sie es privaten Unternehmen ermöglichen, in einer Art Parallel-Justiz die Politik von Staaten zu beklagen. Damit drohen Entschädigungsklagen gegen Umwelt- oder Gesundheitsgesetze. Prominente Beispiele sind der Tabakkonzern Philip Morris, der vom Staat Uruguay wegen einer Kampagne gegen Rauchen auf Zigarettenschachteln zwei Milliarden Dollar fordert, der Energielieferant Vattenfall, der Deutschland wegen des Atomausstiegs auf 4,7 Milliarden Dollar verklagte oder der Rohstoffkonzern TransCanada, der von den USA wegen Einstellung des Keystone Pipeline-Projekts auf 15 Milliarden Dollar verlangt.

Derlei Exempel der Macht großer Konzerne trieben im Herbst letzten Jahres 250.000 Menschen in Berlin auf die Straße. „Die Menschen empfinden all diese Klagen gegen Politik zum Schutz des öffentlichen Interesses als zutiefst ungerecht und demokratiefeindlich. Nicht so die EU-Kommission: Die macht Vorschläge, mit denen genau solche Klagen weiter möglich sind. Ihr sind die Konzerne offenbar wichtiger als die Bürger Europas“, so Maritta Strasser von campact.

Die Verfasser der Studie betonen, dass es prinzipiell keine Veranlassung für eine rechtliche Sonderbehandlung ausländischer Investoren geben dürfe. Falls es Lücken im derzeitigen Rechtssystem gebe, die ausländischen Investoren keine zuverlässige Rechtssicherheit ermögliche, sei dieses Problem vom Gesetzgeber im bewährten System des nationalen und internationalen Rechts zu lösen.

16.02.2016 |

Gentechnik auf deutschen Feldern unerwünscht

Die Biofach in Nürnberg hatte 2016 so viele Besucher wie nie zuvor Die Biofach in Nürnberg hatte 2016 so viele Besucher wie nie zuvor

Auf der größten Bio-Lebensmittelmesse der Welt, der Biofach in Nürnberg, wurde heute auch über Gentechnik und TTIP diskutiert. Einig waren sich Branchenvertreter und Experten der bayerischen sowie baden-württembergischen Regierung, dass es in Deutschland weiterhin keinen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen geben soll. Dafür müsse die Bundesregierung sorgen, appellierten sie an Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Bei der Beurteilung neuer Gentechnikverfahren zeigten sich die Politikvertreter allerdings wesentlich offener als die Öko-Produzenten.

Dass in Deutschland in den letzten Jahren keine Gentechnik mehr auf dem Acker wuchs – zuletzt gab es 2011 auf kleinen Flächen einige transgene Kartoffeln von BASF – sei „ein großer Erfolg der Zivilgesellschaft“, erklärte Peter Röhrig, der den Bio-Dachverband „Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft“ (BÖLW) leitet. Auch für 2016 rechne er nicht mit dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen hierzulande.

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10.02.2016 |

Gesetz zum Wegwerfstopp von Lebensmitteln

Der Deut­sche Bundestag ­ for­derte bereits 2012, das Weg­werfen bis zum Jahr 2020 auf die Hälfte zu redu­zie­ren — passiert ist aber kaum etwas. Der Deut­sche Bundestag ­ for­derte bereits 2012, das Weg­werfen bis zum Jahr 2020 auf die Hälfte zu redu­zie­ren — passiert ist aber kaum etwas.

Im Mai vergangenen Jahres schickte die französische Regierung ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung auf den Weg – nun ist es zum Beschluss gekommen. Französische Supermärkte mit einer Größe von über 400 Quadratmetern sind nun verpflichtet, unverkaufte Ware entweder an gemeinnützige Organisationen abzugeben oder günstiger im Laden anzubieten. Bei Verstoß drohe eine Geldstrafe von bis zu 75.000 Euro oder zwei Jahre Gefängnis. So könne die Abfallmenge bis 2025 um die Hälfte gesenkt werden.

In Deutschland verwehrt sich das Agrarministerium weiterhin, gesetzlich gegen die Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel vorzugehen. Die seit 2012 laufende Initiative „Zu gut für die Tonne“ informiert und adressiert Privathaushalte, das eigene Konsum- und Verschwendungsverhalten zu hinterfragen.

Das allein reiche allerdings nicht aus, um eine wirkliche Verbesserung zu erwirken. „Das französische Vorbild hat im letzten Jahr Zehntausende Menschen motiviert, nach der Rolle des Handels beim Wegwerfen von Lebensmitteln zu fragen. Jetzt zeigt Frankreich, dass man dort nicht bereit ist, auf freiwillige Maßnahmen der Supermärkte zu warten. Weil das Gesetz für alle Märkte ab einer bestimmten Größe gilt, ist es nun für die Händler kein Wettbewerbs-Nachteil mehr“, so Jutta Sundermann von Aktion Agrar.

Das französische Vorbild beflügelt indes den Kampf vieler Organisationen, die seit Sommer letzten Jahres mit Appellen und Unterschriftenaktionen ihre Forderung nach gesetzlichen Wegwerfstopps in die Öffentlichkeit bringen. Die Kampagne „Leere Tonne“ von Aktion Agrar, BUNDjugend, foodsharing und Slow Food Youth sammelte bereits über 40.000 Unterschriften und diskutierte am Welternährungstag sowie in der Vorweihnachtszeit mit Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen.

zur Seite von Aktion Agrar mit der Kampagne "Wegwerfstopp für Supermärkte!": www.aktion-agrar.de/wegwerfstopp/

09.02.2016 |

Fragwürdiger Rekord deutscher Schlachtunternehmen

Gewerbliche Fleischproduktion, Copyright: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2016 Gewerbliche Fleischproduktion, Copyright: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2016

Deutsche Schlachtunternehmen erzielten 2015 einen neuen Höchstwert: die Fleischproduktion stieg im Vergleich zum Vorjahr um 25.300 Tonnen (0,3%) auf insgesamt 8,22 Millionen Tonnen. Diese Menge übersteigt nicht nur die Produktion des vorhergehenden Jahres, sondern übertrifft auch das bisher höchste Ergebnis der Gesamtschlachtmenge aus dem Jahr 2011, die damals bei 8,20 Millionen Tonnen Fleisch lag. Diese Zahlen zur Fleischerzeugung legt das Statistische Bundesamt vor.

Allein bei der Schlachtung von Schweinen nahm die Zahl des produzierten Fleisches im Vergleich von 2014 zu 2015 um 0,8% (das sind etwa 480 Tiere) zu. Dabei wurde in der ersten Jahreshälfte die Produktion so sehr gesteigert, dass die stark rückläufige Produktion des zweiten Halbjahres ausgeglichen werden konnte. (1. Halbjahr 2015: + 67 000 Tonnen; 2. Halbjahr 2015: - 23 300 Tonnen). Zugleich fiel Import von Schweinen zur Schlachtung – der Zuwachs ergab sich aus der Steigerung der heimischen Produktion. Die Schweinefleischerzeugung konzentriert sich schwerpunktmäßig auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (1,9 Millionen Tonnen) und Niedersachsen (1,8 Millionen Tonnen), die 66,2 % des Schweinefleischs produzierten.

Bei Rindfleisch war die Produktionszahl mit 1,5% geschlachteten Tieren rückläufig. Führende Verarbeitungsregion ist das Bundesland Bayern (306 600 Tonnen), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (230 000 Tonnen). Erstmals seit 2006 fiel die dynamische Entwicklung bei Geflügelfleisch und die Produktion ging um 0,6% zurück.

Zur Seite des Statisches Bundesamts und der Statistik Gewerblicher Schlachtungen: bit.ly/1uuSi2k

22.01.2016 |

Patentamt widerruft Patent auf Melone

Zuckermelone, flickr.com: Edgar.Dorta, CC BY 2.0 Zuckermelone, flickr.com: Edgar.Dorta, CC BY 2.0

Das Europäische Patentamt (EPA) hat am Mittwoch ein Patent des Saatgutriesen Monsanto widerrufen. Der US-Konzern hatte 2011 das Patent auf eine in Indien herkömmlich gezüchtete virusresistente Melone (Cucumis melo) erhalten – ganz gegen das europäische Patentrecht. Eine internationale Koalition hatte dagegen Einspruch eingelegt, unterstützt von der indischen Regierung.

Christoph Then, Sprecher von „Keine Patente auf Saatgut!“, wertete den Schritt des EPA zwar positiv, gab aber zu bedenken: „Der Widerruf des Patents ist ein wichtiger Erfolg, aber das generelle Problem kann nicht durch Einsprüche am EPA gelöst werden. Die Politik muss dafür sorgen, dass Gesetze korrekt angewendet und Verbote nicht ausgehebelt werden. In Deutschland liegt die Verantwortung bei Justizminister Heiko Maas.“

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19.01.2016 |

Die Schere geht dramatisch auseinander

Slum Tondo in Manila, Philippinen, 2014. Copyright Foto: Dewald Brand, Miran für Oxfam Slum Tondo in Manila, Philippinen, 2014. Copyright Foto: Dewald Brand, Miran für Oxfam

Inzwischen besitzen die 62 reichsten Einzelpersonen genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dies geht aus dem Bericht „An Economy for the 1%“ hervor, den Oxfam im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlicht hat. Die soziale Ungleichheit schreitet nach Angaben der Entwicklungsorganisation immer weiter voran und fordert deshalb, Steueroasen auszulöschen und sehr hohe Vermögen stärker zu besteuern.

Die reichsten der Welt werden immer reicher, und das noch schneller als erwartet: noch vor einem Jahr prognostizierte Oxfam, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung 2016 mehr besitzen würde als die restlichen 99 Prozent. Diese Grenze wurde bereits 2015 überschritten. Eine erhebliche Ursache für diese Entwicklung sieht die Organisation in den Strukturen der Steueroasen. Jedes weltweit führende Großunternehmen habe mindestens eine Präsenz in einer Steueroase. Dadurch würde Entwicklungsländern auf diese Weise jedes Jahr mindestens 100 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen verloren gehen.

Laut der Studie ist das Vermögen der reichsten 62 Personen in nur fünf Jahren um 44 Prozent gewachsen, was einem Anstieg von mehr als einer halben Billionen US-Dollar auf 1,76 US-Dollar entspricht. Gleichzeitig sei das Vermögen der armen Bevölkerung um 41 Prozent, zurückgegangen. Gründe für diese zunehmende Ungleichverteilung sieht Oxfam unter anderem in den hohen Renditen, durch die Kapitalbesitz stetig weiter gemehrt wird. Wenn bei Angestellten und Arbeitern überhaupt Lohnzuwachs zu beobachten war, fiel dieser gering aus.

Die Mehrheit der Gesellschaft profitiert also nicht von den durch wirtschaftliches Wachstum erzielten „Wohlstandsgewinnen“. Aus diesem Grund fordert Oxfam die Regierungen in den Ländern des Globalen Süden und Nordens auf, ihre Unternehmen zu einer öffentlichen länderbezogenen Berichterstattung zu verpflichten. Darüber hinaus sollen Steueranreize multinationaler Unternehmen transparent gemacht werden und faire Steuern eingeführt werden. Zudem soll das internationale Steuersystem zum Vorteil aller reformiert werden.

19.01.2016 |

Bauern und Verbraucher gegen Agrarindustrie

Keine Zukunft ohne Bäuerinnen und Bauern in Berlin; Foto: Volker Gehrmann Keine Zukunft ohne Bäuerinnen und Bauern in Berlin; Foto: Volker Gehrmann

Ein starkes Zeichen gegen die Agrarindustrie setzten 23.000 Menschen trotz eisiger Temperaturen am Samstag, 16.1.2016, in Berlin. Unter dem Motto "Wir haben Agrarindustrie satt! Keine Zukunft ohne Bäuerinnen und Bauern" zogen sie angeführt von 130 Traktoren zum Bundeskanzleramt und forderten von der Bundesregierung die Weichen für eine bäuerliche und ökologischere Zukunftslandwirtschaft zu stellen. Sie demonstrierten für Bauernhöfe, die umwelt- und klimafreundlich wirtschaften, damit das Recht auf Nahrung weltweit sichern, starke Strukturen im ländlichen Raum erhalten, artgerechte Tierhaltung verwirklichen, gentechnikfrei arbeiten und deren Grundsatz fairer Handel ist.

„Angesichts der katastrophalen und strukturzerstörenden Erzeugerpreise für Milch und Schweinefleisch ermutigen dieser starke Rückhalt und die Wertschätzung der Gesellschaft, den Kampf für den Erhalt unserer Höfe energisch zu führen“, so Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland. „Die Agrarpolitik in Berlin und Brüssel ist verantwortlich für die Rahmenbedingungen, die zu Überproduktion und Erzeugerpreisen deutlich unter den Produktionskosten führen. Dabei zerstören Agrarexporte zu Dumpingpreisen für den Weltmarkt bäuerliche Strukturen und regionale Märkte für Bauern hier und in der ganzen Welt. Die Bundesregierung muss jetzt umsteuern, damit es sich für Bauern lohnt, gute Lebensmittel für den heimischen Markt zu produzieren.“

Der lange Trecker-Konvoi wurde von der Menge auf dem Potsdamer Platz jubelnd empfangen. „Die Bauern stehen in der Mitte der Gesellschaft“, kommentierte Jochen Fritz, Landwirt und Sprecher der Demonstrations-Bündnisses „Wir haben es satt!“ den gemeinsamen Protest. „Die Menschen wollen, dass Bauern und nicht Konzerne ihr Essen erzeugen, sie wollen gesundes Essen, keine Gentechnik auf dem Acker, im Trog und auf dem Teller, sie wollen, dass Tiere auf der Weide grasen können, Schweine auf Stroh stehen und keine Schwänze oder Schnäbel abgeschnitten werden. Und die Bauern sind bereit dafür! Worauf wartet die Bundesregierung?“, so Fritz weiter.

Auch Sarah Wiener, Köchin aus Berlin, forderte einen Umbau des Ernährungssystems: „Wir wollen den Wandel mit Fairness und Genuss! Gute, köstliche Lebensmittel bekommen wir nur, wenn wir achtsam mit unserer Umwelt, den Pflanzen und Tieren umgehen. Wenn wir verstehen, dass wir mit der Natur arbeiten müssen und nicht gegen sie, werden wir die Wertschätzung für das, was uns ernährt wieder erlangen. Davon profitieren die Bauern, die Böden und die Nutztiere.“

14.01.2016 |

Wachstum ohne Wertschöpfung

Foto: Flickr.com /marfis75 Foto: Flickr.com /marfis75

Die Krise der Milchpreise und die dadurch existenzbedrohende Lage der Milchbauern zog sich in den letzten Monaten durch die Berichterstattung der Medien. Vor wenigen Tagen ließ der Bauernverband (DBV)Sachsen-Anhalt verlauten, dass er befürchte, in diesem Jahr könnten zehn Prozent der Milchviehbetriebe schließen. Das wären dreimal mehr als sonst. Wie äußern sich der Agrarminister Christian Schmidt und der DBV-Präsident Joachim Rukwied anlässlich der Eröffnung der Grünen Woche zur Entwicklung der Landwirtschaft in Deutschland? Bis 2020 solle sich nichts an der derzeitigen Agrarpolitik ändern: Wachstum wird weiterhin politisch vorgeschlagen und gewollt.

Heute erschien der Kritische Agrarbericht 2016, der den Wachstumswillen der Landwirtschaftspolitik auf den Prüfstand stellt. Wie nützlich ist es, in Krisenzeiten Wachstum anzukurbeln und wie nachhaltig und perspektivenreich ist es generell? Die Bilanz fällt negativ aus. Betriebliches Wachstum sei längst kein Garant für Wohlstand mehr. Allen betrieblichen Größenordnungen aber vor allem den kleineren fiele es immer schwerer, sich auf die schwankenden und sinkenden Erzeugerpreise einzustellen. Die Lebensgrundlage der Menschen hier sei ebenso gefährdet wie die Ernährungssouveränität in Ländern des Globalen Südens und das Tierwohl.

„Bundesminister Schmidt und der Bauernverband haben stets von wachsenden kaufkräftigen Exportmärkten für Milch und Schweinefleisch geredet und die Agrarpolitik danach ausgerichtet. Seit anderthalb Jahren bezahlen die Bauern nun dafür, dass diese Vorhersagen falsch sind. Molkerei- und Schlachtkonzerne steigern zwar ihre Exporte; aber auf Kosten der Bauern, die für Milch, Ferkel und Schweinefleisch Preise weit unterhalb ihrer Kosten erhalten“, so Martin Schulz, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Die steigende Nachfrage nach regionalen und tier- und umweltgerechten erzeugten Lebensmitteln seit steigend und es sei daher Zeit für eine Qualiätsoffensive statt eines Setzens auf Weltmarktanteile.

In Zeiten des Klimawandels und Konflikten mit Migrationsfolge bräuchte nicht die Wirtschaft vielmehr die Bodenfruchtbarkeit einen Wachstum: „Der jährliche Verlust von 10 Millionen Hektar fruchtbarer Böden weltweit sowie Humus zehrende, einseitige Fruchtfolgen in der industriellen Landwirtschaft bewirken aber das Gegenteil“, sagt Felix von Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Landwirtschaft könne regenerativ praktiziert werden und durch Humusaufbau so viel CO2 binden, dass Überhänge in der Atmosphäre wieder rückgängig gemacht werden könnten. „Die Destabilisierung von Gesellschaften durch Nahrungsmangel und Klimawandel zwingt uns, zu handeln. Es ist überfällig, alle agrarpolitischen Instrumente auf ein Ökologisches Agrarsystem und auf dessen Fortentwicklung auszurichten.“

13.01.2016 |

Immer weniger Betriebe produzieren immer mehr Fleisch

Grafik aus dem Fleischatlas Grafik aus dem Fleischatlas

Bis zu 80 Prozent der Betriebe mit Tierhaltung haben in den letzten 15 Jahren aufgegeben, so Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, zur Vorstellung des „Fleischatlas Deutschland Regional 2016“. Die in der Publikation versammelten Daten, Fakten und Grafiken belegen, dass die Produktion von immer mehr Fleisch von immer weniger Betrieben realisiert wird.

Der landwirtschaftliche Strukturwandel geht demnach ungebremst weiter: die absolute Zahl der Schweine- und Hühnerhaltungen ist rückläufig, die Produktion nimmer allerdings zu und konzentriert sich dadurch auf immer weniger dafür jedoch größere Betriebe. Laut Fleischatlas haben in Bayern 30.000 und in Niedersachen 13.000 Höfe ihre Schweinehaltung aufgegeben – die Last des derzeitigen landwirtschaftlichen Wandels tragen also kleinbäuerliche und mittelständische Betriebe.

„Der Trend zu Megamastanlagen geht weiter“, sagt Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Die Fleischproduktion wächst in jenen Bundesländern am stärksten, die ohnehin schon überdurchschnittlich viele Tiere mästen. Ammoniak-Emissionen und Nitratwerte im Grundwasser nehmen dort in Folge inakzeptabel hohe Werte an. Eindrückliches Beispiel sei der Landkreis Vechta: hier ist die „Schweinedichte“ im deutschen Vergleich extrem hoch und dennoch wurden zwischen 2013 und 2014 weitere 87.000 neue Schweinemastplätze genehmigt. 800 Schweinemäster produzieren in diesem einen Landkreis mehr als Schleswig-Holstein oder Hessen. Auch bei den Schlachtbetrieben zeigt sich eine ähnliche Struktur: die zehn größten Konzerne schlachten mehr als 70 Prozent der Tiere. Die riesigen Anlagen liegen dicht an dicht, fast alle in Niedersachen oder Nordrhein-Westfalen.

Agrarsubventionen sollten weniger nach Fläche und Größe vergeben werden, sondern stärker an Kriterien die die Leistungen der Betriebe für das öffentliche Wohl prüfen. Eine landwirtschaftliche Produktion die auf „Masse statt Klasse“ setze, ginge mit Dumpingpreisen, Massenproduktion und Exportorientierung einher. Dem müsse von politischer Seite entgegengesteuert werden. In Zeiten, wo 80 Prozent der Deutschen bereit seien, höhere Preise für Qualität und Regionalität auszugeben, müssten bäuerlicher Betriebe, die dementsprechend produzieren das auch finanziell zu spüren bekommen.

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